Fluglärm und St. Florian
Der heilige Sankt Florian gilt als der Schutzpatron vor Feuer und vor Dürre. Sprichwörtlich bekannt ist dies durch eine alte, ironisch gemeinte Votivtafel, auf der zu lesen stand: „Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd andre an“.
In bestimmten Kreisen wird Sankt Florian heute nicht nur angerufen, wenn es gilt, die Brandgefahr zu bannen. In unserer Stadt gilt Florian auch als der Garant gegen Fluglärm. Wo auch immer Flugrouten langgehen: Überall ist’s recht, nur nicht überm eigenen Haus. „Heiliger Sankt Florian, wend ab die Start- und Landebahn!“
Zur Erinnerung: Als die Mauer in Berlin stand, gab es für West – Berlin keine Möglichkeit, einen Flugplatz im Umland zu betreiben. Notgedrungen mussten die Westberliner damit leben, dass mitten in der Stadt ein großer Flughafen entstand. Nach dem Ausbau von Tegel 1974 ging man noch von 2,5 Millionen Passagieren pro Jahr aus. Auch dieses Fluggastaufkommen bedeutete für tausende Menschen, die in der Nähe des Flughafens lebten, erhebliche Belästigungen. Die Zahlen schnellten kontinuierlich in die Höhe. 1991 waren es über 6,5 Millionen Fluggäste. Im Jahr 2009, zwölf Jahre nach dem Mauerfall, wurden in Tegel über 14 Millionen Passagiere abgefertigt. Das bedeutete: 156.262 Flugbewegungen, Starts und Landungen inmitten der Großstadt Berlin. Die Ein- und Abflugschneise befindet sich über bewohntem Gebiet in Pankow, Berlins einwohnerstärkstem Bezirk mit weit über 360.000 Einwohnern und über dem Bezirk Reinickendorf. Gut 3.200 Menschen leben im Nahraum des Airports und sind daher einem Dauerschall von mehr als 67 db(A) ausgesetzt. Völlig unstrittig ist, dass dieser Lärmpegel krank macht und dass die Lebenserwartung der Betroffenen sinkt.
Ist es in den Jahren der Teilung Berlins notwendig gewesen, mit einem innerstädtischen Flughafen leben zu müssen: Nach Öffnung der Mauer gab es keine Begründung mehr dafür, abertausende Menschen den Gefahren auszusetzen, die mit dem Betrieb in Tegel verbunden sind. Die politisch Verantwortlichen haben nunmehr bereits fast 22 Jahre benötigt, um einen Großflughafen außerhalb der Stadt bauen zu lassen. Je näher die Zeit rückt, in der Schönefeld voll in Betrieb genommen werden soll, desto lauter werden die Proteste der Menschen, die vermutlich ab 2012 dort vom Fluglärm belästigt werden.
Ärgerlich ist, dass in diesen Protesten kaum je ein Wort der Solidarität mit all denen zu hören ist, die seit Jahrzehnten geduldig die Belastungen des Flugverkehrs in Berlin tragen. In den betroffenen Regionen Pankows und Reinickendorfs sind die Immobilienpreise schon seit Jahrzehnten niedrig. In all den Jahren waren niemals Stimmen aus Zehlendorf und anderen Ecken im Süden der Stadt zu hören, die für andere Flugrouten sprachen.
„Heiliger Sankt Florian, wend ab die Start- und Landebahn; vor Lärm behüt’, nimm adre dran!“ Das Florian – Prinzip erinnert stets daran, dass jeder sich selbst der Nächste ist.
Was Menschen aus allen Teilen Berlins eint, ist die Lust am Reisen und, von Jahr zu Jahr mehr, die Lust am Fliegen. Unsere Großeltern haben mehrheitlich nie im Leben eine Flugreise unternommen. Sofern sie sich überhaupt eine Urlaubsreise leisten konnten, sind sie mit der Bahn ins Allgäu gefahren oder mit dem Auto an die Nordsee. Inzwischen gibt es viele Berliner, die mehrmals im Jahr Urlaub in weit entfernten Ländern machen. Es geht nach Teneriffa und nach Mallorca, nach Tunesien oder in die Dominikanische Republik. „All inclusive“, Fernreisen zum Schnäppchenpreis. Meist ist der Flug ans Urlaubsziel der geringste Kostenfaktor. Die Mächtigen in Wirtschaft und Politik machen’s möglich. Kerosin wird -im Unterschied zum Benzin für den PKW- nicht versteuert. Dies hat zur Folge, dass ein Flug nach Zürich, wenn man ihn früh genug bucht, weit billiger ist als eine Autofahrt von Tegel nach Schönefeld. Wen wundert’s, dass die Zahlen der Flugbewegungen weltweit Jahr für Jahr steigen? Wie schädlich diese Entwicklung für das Leben auf Erden ist, weiß jeder denkende Mensch. Spätestens jedoch, wenn die eigene Urlaubsplanung ansteht, sieht die große Mehrheit darüber hinweg.
Interessant wäre eine Erhebung, wie viele von den Menschen, die zur Zeit gegen den Fluglärm protestieren, selbst regelmäßig mit dem Flugzeug unterwegs sind. Da fahren dann viele wohlhabende Mitbürger, die ein großes Haus im grünen Zehlendorf bewohnen, zum Flughafen Tegel und fliegen hinaus in die weite Welt. Ob wohl je einer an die vielen Fluglärmopfer denkt, über deren Köpfe sie hinwegfliegen?
Ich gehöre zu den Menschen, die höchst selten mit dem Flugzeug gereist sind. Es waren genau fünf Mal in 51 Jahren, davon drei Urlaubsreisen und zwei Dienstreisen.
Auch gehöre ich zu denen, die sich gewünscht hätten, dass der Großflughafen noch viel weiter weg von Berlin gebaut worden wäre. Nur: Gleich wo in Deutschland ein Airport errichtet wird: Es wird immer viele Menschen und kaum zählbar viele Lebewesen geben, die leiden müssen für unsere Mobilitätssucht. Solange wir nicht bereit sind zum Verzicht auf liebgewonnene Gewohnheiten, solange wird sich nichts ändern zum Guten für das Leben auf dieser Welt. St. Florians Prinzip funktioniert so gut, weil es dem einen ein glückliches Leben auf Kosten des anderen verheißt. Im Blick auf die Generationenfolge greift dieses Prinzip ebenfalls. „Nach uns die Sintflut“: Dies ist ein täglich gelebtes Motto so vieler in unserem Teil der Welt. Einen Vorteil hat dieses Leben auf Kosten der Kinder und der Kindeskinder vermutlich: Das Problem des Fluglärms wird sich voraussichtlich wie von selbst erledigen, wenn in naher Zukunft die Erdölreserven aufgebraucht sein werden und damit der Preis einer Flugreise für die Normalbevölkerung unbezahlbar sein wird. Es kann gut sein, dass unsere Enkel im Sommer bei offenem Fenster durchschlafen können, ganz gleich ob sie in Tegel, in Pankow, in Kleinmachnow oder in Zehlendorf wohnen.
Viele Menschen hier im Norden Berlins haben sich daran gewöhnt, ein unruhiges Leben zu führen. Die Erfahrung der zurückliegenden Jahre und Jahrzehnte lehrte uns, dass es ohnehin kaum jemanden interessiert, wie sehr unser Leben durch den Fluglärm beeinträchtig ist. Und: Die meisten Menschen hier glauben erst an die Schließung des Flughafens Tegel, wenn tatsächlich kein Flieger von dort aus mehr über unsere Köpfe fliegt. Auch gegen den BBI in Schönefeld kann keiner mehr was ausrichten. Zu groß sind die wirtschaftlichen Interessen, zu viel Geld ist mit im Spiel. Der Gewinn ist wie immer entscheidend, und dieser lässt sich nur steigern, wenn auch nachts geflogen wird. Ein Nachtflugverbot gibt es auch für Tegel. Nur in Ausnahmefällen darf nachts gestartet oder gelandet werden. In den Stoßzeiten ist jedoch die Ausnahme die Regel.
Was bleibt ist die Sehnsucht nach einem Leben ohne Fluglärm und ohne den Dreck, den die Maschinen auf unseren Balkonen und auf unseren Pflanzen hinterlassen. Wie schön das Leben ohne Flugzeuge sein kann, haben wir im Norden Berlins gespürt, als nach dem Ausbruch des Eyiafjallajökull im Frühjahr 2010 dank der Aschewolke ein paar Tage der Flugverkehr ruhte.
„Heiliger Sankt Florian, wend ab die Start- und Landebahn; vor Lärm behüt’, nimm andre dran!“ Vor einigen Tagen habe ich mich doch tatsächlich dabei erwischt, all meine Hoffnungen auf St. Florian zu setzen. Ich war auf dem Friedhof, wollte mit der Gemeinde zusammen das Vaterunser beten, als 300 Meter über der Gemeinde ein Flugzeug seine Bahn zog. Da hab ich doch wirklich gedacht: „Noch gut ein Jahr, dann findet dieser Mist woanders statt.“ Ja, das funktioniert halt gut! Was wäre denn eine realistische Alternative? Alle vier Wochen für mindestens sieben Tage eine Aschewolke? Oder: Mit allen Bürgerinnen und Bürgern dieser Stadt gemeinsam in einem Volksbegehren dafür sorgen, dass Berlin und Umgebung eine flugzeugfreie Zone wird? Alles völlig unrealistisch. Ob man will oder nicht: Am Ende helfen merkwürdiger Weise diese alten katholischen Heiligen noch am besten, wenn auch manchmal erst nach mehreren Jahrzehnten.
Johannes Heyne
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