Kirchensteuer und Kirchenaustritt
Der Kirchenaustritt
oder
wie man Prioritäten setzt
Ich kenne einen Mann, 35 Jahre alt. Bis November war er noch Mitglied der Kornelius – Gemeinde. Im Dezember, kurz vor dem Weihnachtsfest, bekam ich vom Amtsgericht die Erklärung über seinen Kirchenaustritt.
Wir hatten einen guten Kontakt in den zurückliegenden Jahren. Zuerst sind wir uns begegnet, als ich seine Mutter beerdigen sollte. Dann kamen die Taufe seiner Tochter und 2 Jahre später die Taufe des Sohnes. Er wohnt wie ich im englischen Viertel, so dass wir uns oft auf der Strasse treffen. Als wir uns im Weihnachtsgottesdienst sahen, ging er wohl davon aus, dass ich keine Kenntnis von seinem Austritt aus der Kirche hatte.
Zwischen den Jahren habe ich ihn besucht. Ich wollte wissen, warum ein Mensch, der nach eigenen Aussagen gute Erfahrungen mit der Gemeinde gemacht hat, gesprächslos aus der Kirche austritt.
„Die Gemeinde finde ich ja gut“, sagte er, „da werde ich auch immer wieder einmal hingehen. Aber ich sehe gar nicht ein, warum ich soviel Kirchensteuer bezahlen soll.“
Ich erwähne, dass unsere Gemeinde nur Bestand hat, solange Menschen auch die finanziellen Lasten der Gemeindearbeit tragen; mit jedem und jeder, der oder die aus der Kirche austritt, wird die Arbeit in der Gemeinde schwieriger. Die Baukosten, die Sachkosten und die Personalkosten werden aus der Kirchensteuer bezahlt. Die Gemeinde bekommt für jedes Gemeindemitglied, egal ob reich oder arm, ob kirchensteuerzahlend oder nicht, einen festen Betrag zugewiesen. Ich versuche dem Mann zu erklären, dass er in erster Linie nicht „der Kirche“ den Rücken zukehrt, sondern seiner Gemeinde, in der er lebt.
„Ich wusste, dass ich im Januar weniger auf dem Konto haben werde“, sagte er. Da musste eine Lösung her; deshalb der Kirchenaustritt.“
Ich weiß, dass mein Gesprächspartner kein Großverdiener ist. Ich vermute daher, dass er nicht viel Kirchensteuern zahlt. So sage ich, dass in manchen Ländern der Welt die Gemeindemitglieder 10 % ihres Einkommens für die Gemeinde spenden. Bei uns seien es doch nur 9% der Lohnsteuer.
„Sind aber immerhin auch ungefähr 40,-- € monatlich“, gibt er zu bedenken. Er wirkt nachdenklich, als er diese Worte gesprochen hat und zündet sich eine Zigarette an. Er lächelt plötzlich und schaut mir ins Gesicht.
„Ja, ich weiß“, sagt er, „4,80 € jetzt schon für eine Packung.“
Ich frage ihn, wie viel Zigaretten er so am Tag raucht.
„Eine Schachtel täglich“, lautet die Antwort.
Ich rechne nach; bei 19 Zigaretten am Tag sind das im Jahr 6.935. Das kostet dann zur Zeit 1.752 € im Jahr.
„Man muß halt Prioritäten setzen“, sage ich nicht ganz ohne Ärger.
„Wie soll ich das verstehen?“, will mein Gegenüber wissen.
„Na ja, wenn weniger Geld auf dem Konto ist als früher, dann muß man sich in der Tat entscheiden, welche Kosten reduziert werden sollen. In Ihrem Fall ist es die Gemeinde, die nicht mehr weiter finanziert wird.“
„Ich weiß aber auch gar nicht so genau, was ich von der Gemeinde habe“, antwortet der Mann. „Meine Eltern sind begraben, die Kinder sind getauft, und kirchlich geheiratet haben wir auch.“
Nun merke ich, dass ich sauer werde.
Der Mann weiß genau, wie schwierig es geworden ist, die Kindertagesstätte zu unterhalten. Schließlich gibt auch der Senat weniger Zuschüsse an die freien Träger. Der Mann weiß auch, dass seine Eltern nicht mit kirchlichem Geleit begraben worden wären, wenn seine Eltern damals, nach dem Tod ihrer Eltern, auch aus der Kirche ausgetreten wären; seine Kinder wären nie getauft worden, eine kirchliche Trauung hätte es auch nicht gegeben.
Ich könnte jetzt alles mögliche aufzählen, was er von seiner Gemeinde haben kann. Ich könnte ihn einladen in die Veranstaltungen, auf das Gemeindefest, in den Gospelchor. Aber mir bleiben die Worte im Halse stecken.
Da sagt mir ein erwachsener Mann, dass er nicht weiß, was er von seiner Gemeinde hat, dass er aus diesem Grunde sich die Kirchensteuer spart. Gleichzeitig bezahlt er fast 1.800 € jährlich für Zigaretten. Glaubt man den Forschern, dann verkürzt eine Zigarette das Leben um mindestens fünf Minuten. Das heißt, dass sich das Leben des Mannes im Jahr 2010 um mindestens 36.500 Minuten verkürzen wird, das sind 608 Stunden, das sind mehr als 25 Tage. Ich denke: ja, beim Rauchen, da weiß man wirklich, was man hat. Aber ich bin ja gut erzogen. Ich sage es nicht, sondern schaue auf die Uhr.
„Wenn Sie es sich noch einmal anders überlegen: sie täten den Menschen in der Korneliusgemeinde einen guten Dienst!“
„Ich melde mich auf jeden Fall noch bei Ihnen“, sagt er, als ich weitergehen will. „Ich wollte mal wissen, wie das mit dem Konfirmandenunterricht in Kornelius ist. Lisa ist doch bald in dem Alter.“
„Gut“, antworte ich, „dann haben Sie ja womöglich doch bald mal wieder was von der Gemeinde.“
Pfarrer J. Heyne